Projekt: Leben am Rande der Gesellschaft
Ausgeschlossen – Leben am Rande der Gesellschaft
Wie sieht der Alltag für Wohnungslose und Menschen mit körperlichen Behinderungen aus? Mit welchen Vorurteilen und Schwierigkeiten sehen sie sich täglich konfrontiert? Wo bekommen sie Hilfe? Im Rahmen der Projektwoche stand für die TeilnehmerInnen aus dem 13. Jahrgang des Bildungsganges Erzieher/in / AHR die Beschäftigung mit diesen Fragen im Fokus.
Es gibt verschiedene Lebensumstände, die Menschen in unserer Gesellschaft an den Rand eben dieser drängen. Hierzu gehören auch Wohnungslosigkeit und das Leben mit körperlichen Behinderungen. Beim Projekt „Leben am Rande der Gesellschaft“ ging es in erster Linie darum, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und sich mit den eigenen Vorurteilen gegenüber Randgruppen auseinanderzusetzen.
In Kooperation mit „fifty fifty“ nahmen die TeilnehmerInnen an einem etwas anderen Stadtrundgang, geführt von Wohnungslosen, teil. Sie lernten so wichtige Anlaufstellen für Betroffene kennen und hatten im Anschluss die Möglichkeit, die Obdachlosenzeitung selber zu verkaufen. Zudem konnten sie im Rahmen eines Selbstversuches erfahren, was es bedeutet, sich mit einer körperlichen Einschränkung (als RollstuhlfahrerIn, mit Krücken oder „blind“) in der Stadt zurechtzufinden.
Zweiter Tag
Ein Tag im Rollstuhl und anderen körperlichen Einschränkungen
Wir, einige Schüler der 13 PE, verbrachten unsere Projekttage damit, das heutige Leben am Rande der Gesellschaft besser zu verstehen. Dazu schlüpften wir selbst für einen Vormittag in die Rolle eines Rollstuhlfahrers. Den „ganz normalen“ Alltag meistern, Bahnfahren, Einkaufen, den Blicken der Menschen standhalten.- Leichter gesagt, als getan.
Wir begannen unsere Tour an der Lore- Lorentz Schule. Bereits Bürgersteigkanten hielten uns auf, U-Bahnfahren war unmöglich. Also hievten wir uns mit viel Hilfe in die Straßenbahn, was alleine nicht machbar wäre. Nach über einer Stunde kamen wir endlich in der Altstadt an. Doch auch in der Stadt konnten wir uns nicht problemlos fortbewegen. Kopfsteinpflaster und leichte Steigungen machten uns zu schaffen. Viele Geschäfte haben eine Stufe im Eingang und die zweite Etage ist nur mit einer Rolltreppe zu erreichen. Durch viel zu hohe Theken fiel es uns schwer Bestellungen aufzugeben. Doch die Menschen um uns herum und besonders die Ladenbesitzer waren sehr hilfsbereit. An zwei verschiedenen Bäckereien kamen die Verkäufer ohne Nachfrage vor die Theke, um mit uns zu sprechen und das Geld entgegenzunehmen. Und auch in der Straßenbahn kamen die Mitfahrer von alleine auf uns zu, um uns zu helfen. Doch war keine Hilfe erforderlich, sah man die Unsicherheit der Passanten. Wo soll ich hinsehen? Soll ich lächeln, oder lieber nicht? Viele zeigten ein zögerndes Lächeln, welches sie doch schnell wieder zurückzogen.
Noch lange sind Rollstuhlfahrer viel zu wenig in unsere Gesellschaft integriert. Sei es der Mangel an Fahrstühlen oder die Einstellung der Menschen, bis die Menschen am „Rande der Gesellschaft“ völlig einbezogen sind, besteht uns noch ein langer Weg bevor. Oder möchten Sie ständig auf Hilfe angewiesen sein? Und das, um lediglich ein Brötchen zu kaufen..
Ein erster Schritt in die richtige Richtung, den wir alle gehen können, ist Respekt.
Meike Körschkes, 13PE1
Der Selbstversuch
Der Selbstversuch mit anderen körperlichen Einschränkungen
Um neue Einblicke und Erfahrungen zu sammeln, gab es neben der Rollstuhlfahrergruppe, auch andere Gruppen die mit Einschränkungen in Form von Krücken und einer Blindheit den Vormittag verbrachten. Wir begannen mit den Krücken durch die Düsseldorfer Innenstadt zu gehen. Uns war klar, dass das Laufen auf Krücken keine Einschränkung für ein ganzes Leben darstellt, jedoch wollten wir testen, ob Betroffene in einer gewissen Zeit auf Krücken genügend Rücksicht, Anerkennung und vor allem Hilfe von der Gesellschaft geboten bekommen.
Das Laufen auf Krücken erwies sich nach kurzer Zeit als sehr anstrengend und wir mussten immer wieder Pausen einlegen. Verwirrte Blicke der Passanten blieben dabei nicht aus. Besonders beim Einsteigen in Straßenbahnen mit Stufeneingängen merkten wir, wie viel Kraft eine gewisse Zeit auf Krücken erfordert. Somit benötigten wir bei dem Beschreiten der Stufen mehr Zeit als gewohnt. Um uns noch besser in die Gefühlslage betroffener Personen versetzen zu können, waren uns dabei die Reaktionen der Gesellschaft sehr wichtig. Uns fiel auf, dass einige Menschen sehr hilfsbereit und offen reagierten. Sie boten ihre Hilfe an und stützen uns sogar. Andere jedoch schauten eher weg und waren teilweise sogar genervt, da wir in ihren Augen die Bahn aufhielten. Um mehr Rücksicht auf Betroffene nehmen zu können, sollten stufenartige Bahneingänge soweit wie möglich vermieden werden. Die Straßenbahn ist ein zentraler Punkt und sollte für jeden Menschen erreichbar sein. Auch beim Überschreiten von großen Straßen oder Kreuzungen, blieb uns oft nur wenig Zeit, bis die Ampel wieder auf rot schlug und es war geradezu unmöglich mit Krücken noch bei grün die Straße zu überqueren. Die Zeit auf den Krücken bot uns somit positive, aber leider auch einige negative Erfahrungen, in denen wir uns nicht wohl und von der Gesellschaft ziemlich ausgeschlossen gefühlt haben.
Daraufhin stellten wir uns der Herausforderung ‚blind’ durch die Straßen zu gehen. Unsere Augen verdeckten wir dabei mit dunklen Brillen oder Tüchern. Zur Sicherheit blieb ein Schüler, ohne die Augen verdeckt zu bekommen, in der Mitte und führte die anderen. Zu Beginn fiel es allen Beteiligten sehr schwer, dem Führenden vollständig zu vertrauen. Die lauten Umweltgeräusche, der nah liegenden Straßen und Menschenmengen in der Innenstadt, machten uns dabei noch unsicherer. Doch Schritt für Schritt konnten wir uns immer mehr auf den Selbstversuch einlassen. Es dauerte nicht lange und uns wurden verwirrte Blicke zu geworfen. Oft sprachen uns Passanten an, was wir denn da genau machen würden, und unser Versuch weckte großes Interesse. Die Menschen waren hilfsbereit und unterstützen uns besonders bei dem Beschreiten von Stufen. Dies überraschte und freute uns sehr. Auch die Stadt Düsseldorf bietet viele Hilfen für Blinde. An fast jeder Ampel, entdeckten wir ein Gerät welches entweder ein Signal oder eine Vibration bei grün und rot zur Orientierung für Blinde abgab. Zu dem konnten wir fast an jedem Bahnsteig, eine Grenze welche durch besondere und vor allem ertastbare Pflastersteine gekennzeichnet ist, erfühlen. Und auch in der Innenstadt werden mit diesen Pflastersteinen eingesetzt, welche uns teilweise vor Stufen oder Parkplätzen warnten. So gelang es uns sogar kurze Strecken alleine zu gehen.
Zusammengefasst haben wir viele neue Einblicke, sowohl positive als auch negative gewonnen. Unser Fazit ist, dass betroffene Personen noch mehr in unsere Gesellschaft integriert werden sollten, da es ein großer Teil leider noch nicht tut. Sie sollten nicht das Gefühl vermittelt bekommen, nicht dazu zu gehören. Jeder Mensch hat dieselben Chancen verdient und sollte diese auch nutzen können.
Saskia Dahm, 13PE2